Kunst

Der arme Gärtner: oder was mal gesagt werden muss

erschienen am 10.03.2016


Seit einigen Tagen stapeln sich Worte in meinem Kopf, nun ist der Haufen beträchtlich.
Ich habe sie vorsortiert, abgewogen und in Sätzen portioniert. Und dennoch, was daraus entsteht, ist kein schönes Bild.

Es ist das traurige Bild der reichen Kulturlandschaft in diesem Land, deren Gärtner arm dran sind.

Das ist an sich nichts Neues und so wundert sich keiner. Ein Gärtner ist eben kein Schlossherr. Und Geld ist schließlich nicht alles. Ist es nicht schon Belohnung genug, tagaus, tagein, die Früchte seiner Arbeit wachsen und gedeihen zu sehen? Wer kann das schon von sich behaupten? All die Möglichkeiten, die einem zu Füßen liegen, wenn man nur geschickt genug seine Ressourcen zu nutzen weiß?
Hier liegt das Problem. Um auf etwas zurückgreifen zu können, muss etwas da sein.

Angetan von meiner Musik lud mich ein Konzertbesucher zur Leipziger Buchmesse ein. Meine Lieder sollten einen musikalischen Rahmen bilden für eine Lyriklesung. An einem besonderen Ort, der dem Anlass angemessenen ist.
Ein schönes Kompliment. Ein gutes Gefühl.

Dieser Zuhörer, ein Autor und einer der Lesenden der Veranstaltung, wies mich darauf hin, dass es leider kein nennenswertes Budget für die Veranstaltung gebe. Man sei ein kleiner Verein, und die finanziellen Mittel seien so begrenzt, dass alle anderen teilnehmenden Autoren und Künstler ohne Gage auftreten würden.
Ihm lag viel an meinem Auftritt und so kratzte er in allen auffindbaren Töpfen und bot mir den gesamten Inhalt und die 50 Euro Förderung, die der Verein von der Buchmesse bekommen würde. Das war so wenig, dass es nicht reichen würde, die Benzinkosten für die knapp 1000 km Fahrt zu zahlen, die ich für diesen besonderen Anlass gern in Kauf nehmen wollte.

Denn, so dachte ich mir, der Zweck heiligt die Mittel. Und stellte mich darauf ein, die große, bunte Buchmesse als eine dieser „guten Gelegenheiten“ zu verbuchen. Wer nicht wagt, der nicht singt.

Der besondere Ort verfügt über einen Flügel. Schließlich finden dort regelmäßig Konzerte statt. Ich freute mich, damit war die Hälfte des Equipments das ich für meinen Auftritt brauche, vor Ort. Ein Mikro mit einer kleinen Anlage war die noch fehlende zweite Hälfte.
Als ich mich danach erkundigte, war die fast erstaunte Antwort, dass es keine Anlage gäbe. Alles, was ich zusätzlich bräuchte, müsse ich selbst besorgen. Es bliebe wegen des engen Zeitplans nach der Veranstaltung auch keine Zeit, irgendetwas abzubauen.

Haben Sie schon einmal versucht, im Dunklen ohne Lampe zu lesen? Ein Auto ohne Benzin zu fahren oder in einem Schwimmbad ohne Wasser zu schwimmen?
Genau dieses wasserlose Schwimmbad fing an, mich von innen zu fluten.
Keine Gage. Kein Mikro. Keine Zeit.

Aber hey, es ist die Buchmesse. DIE gute Gelegenheit.
Ich dachte mir: der Autor kann ja nichts dafür. Er ist ja nicht der Veranstalter. Er selbst steckt in diesem Korsett und hat es gut mit mir gemeint. Er selbst bekommt wahrscheinlich keinen Cent für seine Lesung. Mhhh.
Ich dachte an DIE gute Gelegenheit und buchte ein Sparticket der Bahn. Mein Auftritt würde nicht lang sein und eine Handvoll Lieder umfassen und so würde ich das Experiment wagen und ohne Mikro singen, auch wenn die leisen Töne dann vielleicht hinten runter fallen würden.

Vor einigen Tagen erreichte mich dann die Nachricht, dass der Flügel genau am Buchmessewochenende zerlegt werden würde. Vor Ort gäbe es kein anderes Instrument. Aber ich könne doch sicher eines besorgen, oder nicht?
Und langsam versickerte auch die letzte Pfütze im Schwimmbecken. Dann war es leer.

Eine Woche ist vergangen. Ich frage mich noch immer, was gewesen wäre, hätte ich DIE gute Gelegenheit nutzen können.

Aber liegt nicht genau hier das Problem? Wir sollten beginnen, die Dinge anders zu benennen. Was nützt mir eine gute Gelegenheit, wenn sie das Unmögliche von mir verlangt, nämlich aus einer Wüste eine Oase zu machen?

Was nützt mir das Lob, die Anerkennung, wenn noch nicht einmal die Grundbedingungen für mein Kommen erfüllbar sind und mein Fragen danach in mir das Gefühl auslöst, ich hätte soeben um ein Penthouse mit Butler und Chauffeur gebeten?

Doch die Schuldfrage bringt uns nicht weiter.
Solange sich immer ein Künstler findet, der es auch umsonst macht, wird sich nichts ändern.Denn der Honig um den Bart macht uns nicht satt.

Solange wir unsere Ansprüche immer wieder runterschrauben, um die GUTE Gelegenheit nicht zu verpassen, werden wir uns wundern, dass die Gelegenheiten einfach nicht BESSER werden.

Solange wir uns einreden lassen, dass wir zu viel verlangen, weil man sich wundert, dass wir eben nicht ohne Wasser schwimmen können, werden wir untergehen.

Solange die Kunst nichts kosten darf, kann ihr Garten nicht kultiviert werden. Und eine Kulturlandschaft ist nur so reich, wie ihr Gärtner.





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